Daniel Erdmann - Samuel Rohrer Ten Songs About Real Utopia with Vincent Courtois & Frank Möbus



Daniel Erdmann tenor sax; Samuel Rohrer percussion; Vincent Courtois cello; Frank Möbus guitar


Recorded, mixed and mastered June/October 2014, Studio La Buissonne, France




coverart by François Schuiten







VIDEO CLIP VON DER RECORDING SESSION HIER!!!










Auf dieser dritten CD schreiben Daniel Erdmann, Samuel Rohrer, Frank Möbus und Vincent Courtois ihre schweizerisch-französisch-deutsche Geschichte fort. Ihr Spektrum ist breit, es setzt auf Gemeinschaft und nicht auf das Selbstdarstellerische des Einzelnen.

Es geht darum mit jedem Stück eine Geschichte zu erzählen die über das Abstrakte in der Musik hinausgeht. Das Thema der Kompositionen geht aus dem Titel des Repertoires hervor, es werden Ideen und Ideale, Menschen und Geschehnisse, Utopien aus Architektur und Kunst als Inspirationsquelle umgesetzt. Ganz konkret sind da zum Beispiel ein Werk für Christoph Schlingensief zu nennen (‚Song For Christoph S.‘), der unter anderem mit seinem Künstlerdorf in Burkina Faso eine Utopie in die Wirklichkeit umgesetzt hat. Ein weiteres Stück trägt den Titel ‚Song against Patriotism‘ , in der Tradition eines Hanns Eisler geschrieben und ein Bekenntnis zu einer Welt ohne Grenzen, eine Utopie die zumindest in Europa schon vermeintlich real ist. ‚There will be blood‘, inspririert vom gleichnamigen Film, ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Religion und Kapitalismus. Und die dort geschilderten Utopien der amerikanischen Pioniere, welche auch der Schweizer Schriftsteller Blaise Cendrars in "Gold" beschrieben hat, sind auch in ‚Porteur de Vie‘ herauszuhören. ‚No Number Two‘ ist eine Anspielung an die Problematik einer fehlgeleiteten Wertegesellschaft und spielt mit dem Wunsch alles als gleichwertig und einzigartig betrachten zu können, frei von Wertung, Profitdenken und Schubladisierungen. Eine Utopie die vor Allem durch die persönliche Entwicklung zur Realität wird. Das Stück ‚The Fountain‘ thematisiert die immer grössere Entfremdung zur Natürlichkeit des Seins und das Fehlen von Tiefe in vielen Aspekten unserer Gesellschaft.

‚Zone of lost children‘ ist eine Hommage an Chernobyl und die entstandenen langfristigen Folgen, sowie an das unmittelbar betroffene, stark beeinflusste Gebiet, die tote Zone, der sogenannte „Red Forest“. Diese in einer Katastrophe mündenden Errungenschaft stand mal als eine real gewordene Utopie, ein Fortschritt der uns letzten Endes mehr als deutlich die Kehrseite aufzeigt - Die gesellschaftliche, industrielle Revolution die an den Abgrund führen kann. In Gedanken daran taucht auch die Frage auf, wie eine Welt aussehen würde, die nicht fortwährend und immer mehr unter den Folgen einer sich selbst zerstörenden Gesellschaft zu kämpfen hätte. Oder ab wann führt eine zukunftsorientierte, utopische Idee in ihrer Umsetzung zur Rückentwicklung oder gar zur Zerstörung?

Die Band hat ihr Konzept schlüssig weiterentwickeln können. Mal schwelgerisch schwebend, dann wieder sehr zupackend, immer wach und fintenreich und voll von musikalischem Raffinement lädt das in Räume ein, die ausgeschritten und bedachtsam gefüllt werden. Die ersten beiden CDs hatten das Schwebende von Wolken im Titel als schöne Metapher für diese Klänge, in denen sich Komposition und Improvisation die Waage halten. Grunge-Einflüsse kann man ebenso hören wie ein kammermusikalisches Cello, auf- und abschwellende Gitarrenmorsezeichen ebenso wie ein emanzipiertes Schlagzeug als Melodieinstrument, das Saxofon kann Rhythmusfunktion übernehmen, aber auch erdig losgehen. Und vor allem spielt diese Band nie am Hörer vorbei.

Nun geht es um reale Utopien und den Sound dafür. Es geht nicht darum, ob der nun Jazz, Rock, oder moderne Klassik heißt. Es zählt der Gruppenklang, der sich mit erstaunlicher Tiefenschärfe entfaltet, immer schlüssiger wird und in unverbrauchter Weise Stimmungen, Nuancen und Details zum Abheben bringt, ohne allerdings die Bodenhaftung zu verlieren. Die Elastizität dieser mit Drive und Dramaturgie geknüpften Geflechte ist enorm, der Bandorganismus hat etwas Verzauberndes, Zauberhaftes im besten Sinn.

Aufgerauter Impressionismus in einer unverwechselbaren Formensprache: Jeder der Beteiligten ist in diversen Kontexten als außergewöhnlicher Instrumentalist gefeiert worden und diese Musik hat genau das zur Voraussetzung, ohne es ausstellen zu müssen. Sie definiert auf wundersame Art dieses Mehr, das nur gute Kunst zu erzeugen vermag, und muss sich dabei nicht aufdrängen, viel zu bewusst ist sie sich ihrer Mittel.

„Ungeahnte tonale Möglichkeiten“, bescheinigte ein Kritiker dem Debüt von 2011, ein anderer hörte „eigentümliche, bei aller Zartheit fesselnde Musik“ als „Höhenflüge der verschiedensten Arten“, als „Ereignis“, als „enorm abwechslungsreiche Gruppenverschränkungen. Erdig, detailprall, rockig, zeitgemäß.“ Der Hörer sei eingeladen, „sich von den coolen Songs das Herz wärmen zu lassen“. Exakt darum geht es.